Der Schlager und der Glaube
Den Schlagergottesdienst in der Petri-Pauli-Kirche gestaltet die Weser-Band mit Popkantor Marco Knichala (r.).Fotos: Voigtmann
Der Schlager und der Glaube. Passt das zusammen: beten, sich zu Schlagermelodien bewegen, mitsingen und den Rhythmus mitklatschen? Die Gäste des Gottesdienstes am zurückliegenden Sonntag hatten offensichtlich kein Problem damit.
VON HORST VOIGTMANN
Auf musikalische Qualität musste dabei nicht verzichtet werden.
Für sie stand der Popkantor des Kirchenkreises Hameln-Pyrmont, Marco Knichala, ein, der in einer Zeit, in der Bands, Gospelchöre und Popularmusik in den Kirchen eine immer größere Rolle spielen, sehr gefragt ist. Der 34-jährige Multiinstrumentalist coacht Kirchenbands, bietet Workshops an und gestaltet auf Anfrage auch Gottesdienste mit Piano, Schlagzeug oder Gitarre.
Inzwischen hat Popkantor Knichala in der Region so viele Kontakte geknüpft, dass er mit einer Band erfahrener Musiker, die sich den Namen „Weser-Band“ gegeben hat, für diesen besonderen Gottesdienst zusagen konnte. Die Musiker sind Annika Klose (Schlagzeug), Reiner Jaworski (Bass), Heinz-Hermann Grotum (Gitarre), Kerstin Haver (Trompete), Renate Bölitz (Tenorsaxofon), Martina Thau, Claudia Buchholz, Susi Horch, Birgitt Strohmeyer und Susanne Meyer (alle Gesang) sowie Knichala (Keyboards und Gesang). Der Gottesdienst steht unter dem Motto „… ich liebe das Leben!“ Die Schlager sind überwiegend der Gattung Ohrwurm zuzuordnen, was den eindeutigen Vorteil hat, dass die meisten Gottesdienstbesucher sofort mitsingen können. Wer kennt ihn nicht, den Schlager „Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür …“?
Natürlich wird da kräftig eingestimmt. Wenn der Gesang zu zaghaft wirkt, greift Knichala in seinen „Werkzeugkasten“, und es gelingt ihm leicht, die Dynamik zu steigern. Auch die musikalischen Beobachtungen des Österreichers Udo Jürgens, der das Damenkränzchen, seine Leidenschaft für das Schlagobers und die daraus erwachsenden Gefahren so eindrücklich beschrieben hat, werden von den Besuchern des Gottesdienstes mitgesungen.
„Wissen Sie, woher der Begriff Schlager kommt?“, fragt Kirchenvorsteher Björn Henkel. Er sei dem im Internet auf die Schliche gekommen. In der Zeit populärer Operettenmelodien seien einige zu Gassenhauern geworden. Die Bezeichnung Schlager, so der Brockhaus, meine ein populäres Unterhaltungs-, Stimmungs- und Tanzlied. Manchem Menschen ist die Leichtigkeit abhandengekommen. Im Schlager begegnet sie uns wieder, sei es in „Ein Bett im Kornfeld“ oder in der Vermutung „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“.
Mancher Traum lasse sich nicht erfüllen. Nicht jeder komme nach New York oder nach Hawaii und auch nicht nach San Francisco. In ihrer Ansprache machte Pastorin Barbara Daentzer deutlich, dass wir oft geneigt seien, zu sagen, es sei doch nicht so schlimm. „Doch es ist schlimm, wenn die Eltern nicht wissen, was sie ihren Kindern aufs Schulbrot schmieren sollen. Ich finde es schlimm, wenn ich im Internet sehe, wie kleine Babys an Schläuchen hängen und um ihr Leben kämpfen. Und ja, es ist schlimm, extrem schlimm, wenn eine gesichert rechtsextremistische Partei einen grandiosen Wahlerfolg feiert und damit unsere Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aufs Spiel gesetzt werden.“
Die Schlager, so Daentzer, würden oft die Wirklichkeit ausblenden. Aber es gebe auch Liebeskummer, der sich wie die Hölle auf Erden anfühle. „Manchmal geht es gut aus, aber manchmal muss man auch das Alte hinter sich lassen, um frei zu werden für einen Neubeginn.“ Ein Gottesdienst der besonderen Art, aber einer, der in einer guten Stimmung endet und einen unverstellten Blick auf die Realität freilegt.

